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Lebensmittel-Nachhaltigkeit | Ein Interview mit Tessa Tricks

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03.01.2022

Hallo Tessa! Erzähle mir bitte von Dir und Deinen früheren Erfahrungen im Bereich der Lebensmittel-Nachhaltigkeit.

Hi, mein Name ist Tessa Tricks und während der letzten 12 Jahre habe ich im Gebiet der Nachhaltigkeit von Lebensmitteln gearbeitet.

Es hat angefangen mit einem Interesse, als ich noch eine Teenagerin war und ein Praktikum bei einem Lebensmittel-Magazin in Bristol gemacht habe.

An der Universität wurde ich dann involviert mit dem „Slow Food Movement“, das zum Teil als Antwort auf die Eröffnung von McDonalds auf den spanischen Stufen in Rom kreiert wurde. Die italienische Bewegung stand für gutes, sauberes und faires Essen.

Von dieser Bewegung wurde ich schließlich zu einer halbjährlichen Konferenz Terra Madre eingeladen, die mein Interesse für die Zusammenhänge zwischen Nachhaltigkeit, Lebensmitteln und Kultur gesteigert hat. Menschen aus der ganzen Welt kamen zu dieser Konferenz, um Lebensmittel, den Einfluss der Industrialisierung auf die Umwelt und unsere Gemeinden zu diskutieren, und viele weitere Themen.

Mir wurden die Augen geöffnet, und ich lernte viel über die Nahrungsmittelsouveränität. Außerdem wurde ich Zeugin der Breite von globalen und häufig indigenen Lebensmittelkulturen. Die Veranstaltung war großartig und hat mich inspiriert, eine Karriere in diesem Gebiet zu verfolgen.

North Kensington Resource Centre – 23.09.2021

Wie hast Du anschließend deine Karriere fortgesetzt?

Nach meinem Abschluss habe ich für ungefähr zwei Jahre im Restaurant „the Ethicurean” außerhalb von Bristol gearbeitet. Das Restaurant fokussierte sich auf ethisches Essen aus lokalen und saisonalen Zutaten. Ich habe dort auch „the Ethicurean cookbook“ unterstützt.

Zusätzlich habe ich noch mit der in Bristol basierten Organisation „Sustainable Food Trust“, die von Patrick Holden aufgebaut wurde, gearbeitet. Patrick ist ein Farmer und Lebensmittel-Aktivist und ein Vertreter des „True Cost Accounting“: eine Wertschätzung des gesamten sozialen und ökologischen Preises unseres Essens.

Da die Arbeit im Restaurant ziemlich heiß war und es eine Vielzahl an Lebensmittel-Nachhaltigkeit Facetten gibt, die es zu entdecken gilt, habe ich einen einjährigen Masterabschluss in „Anthropology Food“ gemacht, bei dem ich globale Lebensmittelprobleme sowie das Angebot an Jobs im Sektor erforschen konnte.

Anschließend erhielt ich ein Angebot, sieben Monate in San Francisco zu arbeiten. Gemeinsam mit amerikanischen Erzeugern bestand das Projekt darin, die Messlatte von nachhaltigen Lebensmitteln höher zu legen.

Hubbub’s Network – 2021

Die positive Erfahrung hat mich in meinem Eindruck bestätigt, dass die Arbeit im Lebensmittelsektor wirklich aufregend ist, und ein unglaublicher Weg, um die Vielzahl an Disziplinen zu ergründen – von der Ökologie bis zur Wirtschaft.

Danach wollte ich nach London umziehen, und trat dem damals neuen Start-Up und Stiftung Hubbub bei. Hubbub hat das Ziel, Umweltschutz Mainstream und relevant für alle zu machen. Während meiner sieben Jahre bei Hubbub leitete ich Lebensmittelprogramme und arbeitete mit Einzelhändlern und anderen Akteuren, um Lebensmittelabfall zu reduzieren.

Darüber hinaus arbeitete ich mit Gemeinschaftsgruppen, um lokale Initiativen zu kreieren, wie Gemeinschaftsküchen oder -Kühlschränke. Während dieser Zeit sind wir von einem vierköpfigen Team zu 50 Mitarbeitenden gewachsen. Es war stressig, aber auch sehr spaßig.

Gleichzeitig war ich involviert darin, über Eat Club in Jugendzentren und Hostels jungen Leuten kochen beizubringen. Gemeinsam haben wir gekocht und gegessen – denn für mich geht es bei Lebensmittelnachhaltigkeit auch um Gesundheit und Zugang zu Qualität und Fähigkeiten.

Könntest Du den Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und Nachhaltigkeit erläutern?

Es ist nicht nachhaltig, wenn Großteile der Bevölkerung sich keine gesunde Nahrung leisten können, da dies Folgewirkungen auf ihre Leben und Lebensgrundlagen hat.

Dieses System ist auch schädlich für den Planeten, da „billige Lebensmittel“ nicht den wahren Preis der Produktion widerspiegeln und häufig billig sind aufgrund von Subventionen oder Massen-Extraktionen. Hier spreche ich über verarbeitete, billige Lebensmittel – nicht das Essen, das billig ist durch die natürliche Fülle, wie beispielsweise Brennnesseln!

Und wie würdest Du Nachhaltigkeit definieren?

Es ist ziemlich schwierig, Nachhaltigkeit zu definieren – aber im Wesentlichen bezieht es sich darauf, etwas wie ein Ökosystem oder eine Kultur für eine lange Zeit zu erhalten.

Wie wir wissen, sehen wir dem menschengemachten Ökosystem-Zusammenbruch ins Auge, das ist nicht nachhaltig – andererseits kreiert die Natur natürliche Gleichgewichte.

Die indigenen Irokesen Nordamerikas treffen ihre Entscheidungen, indem sie sieben Generationen im Voraus denken, und daher diese langfristigen Zeitrahmen täglich im Kopf behalten. Für mich ist es das, was nachhaltige Entscheidungsfindungen ausmacht.

In Bezug auf nachhaltiges Essen, dabei geht es um mehr als planetarische Grenzen zu erhalten, es geht auch um die menschliche Gesundheit.

Kensington Resource Centre – 20.09.2021.

Wieso hast du Dich dazu entschieden, Dich auf Lebensmittelnachhaltigkeit zu konzentrieren?

Ich hatte viel Glück, da meine Mutter eine sehr gute Köchin ist und gerne kochte, weshalb ich fundamental interessiert an Lebensmitteln bin und neugierig wurde.

Meine Arbeit mit dem Lebensmittel-Magazin hatte damals mehr mit Geschmäckern und Restaurants zu tun. Dann wurde das Interesse an grünen Aspekten ein wachsender Teil davon und dies war auch ein Wendepunkt für mich. Die Lebensmittelindustrie ist großartig, da es ein Gebiet ist, wo man sein Leben lang lernt. Es gibt so viel zu erfahren, dass es sehr stimulierend ist – man ist nie ganz vollständig in seinem Wissen und den Fähigkeiten.

Was machst Du aktuell?

Momentan bin ich sehr interessiert an der Lebensmittelerzeugung und wie ich das in mein Leben bringen kann.

Mein Partner und ich haben uns entschlossen, nach Japan zu ziehen und von dort aus zu arbeiten. Ich wollte die japanische Agrarkultur und Lebensmittel verstehen – dann kam die Covid-Krise. Außerdem musste ich einen Schritt zurücktreten und mir überlegen, wovon ich mehr machen wollte, Dinge wie Gartenbau.

Daher starte ich auf meinem Pfad, um mich in Landschaftsdesign umzuschulen, Permakultur Design-Kurse zu nehmen und Qualifizierungen der RHS zu erhalten.

Meine Motivation ist es, Plätze zu kreieren, die ökologisch positiv sind und mehr essbare Nahrung beinhalten.

Es gibt mehrere Disziplinen, mit denen man solche positiven Räume kreieren kann – auf einer Gemeinschaftsebene, sowie für Privatpersonen und Firmen.

Darüber hinaus bin ich involviert mit Projekten für Schulen und deren Gärten. Der Fokus liegt dabei auf essbarem Landschaft-Design, gepaart mit Bildung und lokalen Nahrungsquellen für die Kantine.

Wie können wir ökologisches und essbares Landschaftsdesign verstehen?

Dabei geht es um Prinzipen der Permakultur, basierend in dem Konzept, einen positiven Einfluss auf die Umwelt zu haben – anstatt die „wenigste schlechte Entscheidung“ zu treffen.

Das Konzept schließt alle möglichen Arten von Räumen ein, so wie Balkone, Straßen, Gärten, neben anderen. Man kann Lebensräume für Tiere kreieren, Pflanzen, um Wasser zu speichern und um Nahrung zu bieten.

Im Wesentlichen geht es darum, Orte zu schaffen, in denen Menschen sich entspannen können.

Um dies ansprechend und relevant zu machen werden auch visuelle Elemente benötigt, sowie eine gute Erzählkunst.

Als ein damit verbundenes Konzept – was ist „Urban Greening“?

„Urban greening” (städtische Bepflanzung) hat das Ziel, unsere Umwelt grüner zu gestalten, und eine positive Beziehung zwischen den Menschen und der Natur zu ermöglichen. Es geht darum, eine Wertschöpfung für die Natur zu gestalten.

Außerdem beinhaltet es zahlreiche Vorteile: es kühlt Städte ab, reduziert den Bedarf an Klimaanlagen, und einige Pflanzen bieten sogar Nahrungsmittel. Zusätzlich ist es erwiesen, dass die Natur und die Farbe grün einen entspannenden Effekt haben.

Ich denke, dass jeder ein besserer Mensch ist, umgeben von der Natur.

Was sind einige der Schwierigkeiten, auf die du während deiner Arbeit im Bereich der Nachhaltigkeit gestoßen bist?

Ich muss festhalten, dass jede Person, mit der ich gearbeitet habe, wundervoll, liebenswert und leidenschaftlich war.

Allerdings ist es mitunter schwierig, für nachhaltige Ziele zu arbeiten, da einem das Thema so viel bedeutet und man immer das Beste geben will – aber in der Realität muss man Kompromisse eingehen und häufig die „weniger schlechte“ Option auswählen. Jede Entscheidung hat Konsequenzen auf so vielen verschiedenen Ebenen, dass es frustrierend und schwierig sein kann, die „richtige“ Wahl zu treffen.

Die zweite Herausforderung liegt darin, manchmal abschalten zu können. Man ist so emotional involviert, dass es schwierig ist, Grenzen zwischen der Arbeit und dem Zuhause zu ziehen.

In deinem „TedX #Meat Too: It’s Time to Address Meat and Power” sprichst du den Fleischkonsum und die Verbindung zur Nachhaltigkeit an…

…was hat dich dazu verleitet, das Thema zu recherchieren und den TedTalk zu kreieren?

Es stammt von einem Projekt mit Hubbub darüber, Leute zu einem geringeren Fleischkonsum zu verhelfen, aufgrund des katastrophalen Einflusses auf die Umwelt. Daher habe ich recherchiert, welche Leute tendenziell mehr Fleisch essen, und wieso.

Dabei habe ich entdeckt, dass es größtenteils Männer waren, die große Mengen an Fleisch aßen: Das liegt daran, dass Fleisch viele Proteine enthält, die Muskeln aufbauen, was mit Männlichkeit verbunden ist. In dieser kulturellen Denkweise schämen sich Männer, zu sagen, dass sie Vegetarier sind – aufgrund der Angst, als schwach oder machtlos wahrgenommen zu werden.

Anschließend arbeiteten wir mit jungen und physisch aktiven Männern für zwei Monate, um deren Fleischkonsum zu verringern. Danach fragten wir sie, wie schwierig es war, oder wie sie sich fühlten. Die Antwort lautete meistens, dass sie weiterhin weniger Fleisch konsumieren würden, und eine ausgewogene Ernährung anstrebten.

Es war erstaunlich, zu realisieren, wie tief die Sprache rund um Fleisch reicht, und was für eine symbolische Macht sie besitzt. Die Frage tut sich auf, wie man diese Sprache zerlegt, um die Vielfalt an Ernährungsweisen zu repräsentieren, inklusive Gemüse und pflanzlicher Proteine.

Es ist kein alles-oder-nichts Ansatz, sondern es geht darum, die Pluralität an Personen anzuerkennen, ohne dogmatisch zu sein.

Wie lebst Du selbst nachhaltig?

Ich habe nicht das Gefühl, dass wir extrem nachhaltig leben – das ist schwer, ohne in einer spezifischen Gemeinschaft zu leben. Allerdings glaube ich daran, sich zu bemühen: Schichten anziehen, ein energieeffizientes Zuhause zu haben, die Isolierung zu verbessern, Wasser achtsam zu verwenden, grüne Energie zu beziehen, zu recyclen, und so weiter.

Außerdem gibt es eine Grenze dazu, die teilweise davon bestimmt ist, ob man kauft oder mietet.

Hubbub Network – 2021

Was Lebensmittel betrifft, haben wir einen Balkon, auf dem wir einige Dinge anbauen, wir verschwenden kein Essen, und wir kochen beide. Wenn es um Fleischkonsum geht, essen wir es beide ein Mal pro Woche, da es etwas ist, das sowohl mein Partner als auch ich genießen – daher stellen wir sicher, dass es eine gute Qualität hat und lokal ist.

Welchen Ratschlag würdest Du unserer Komoneed Gemeinschaft geben?

Ich möchte ein paar Worte mitgeben, die ich vor vielen Jahren gerne selbst gehört hätte:

Verwende weniger Zeit, dir Sorgen zu machen – und mehr Zeit, zu handeln.

Nachhaltigkeit ist ein häufig überwältigendes Konzept, was uns dazu verleitet, einen Schritt zurückzugehen. Aber es ist wichtig, zu realisieren, dass es unmöglich ist, perfekt im Sinne der Nachhaltigkeit zu sein. Daher rate ich euch, eure Zehen ins Wasser zu tauchen – und irgendwo anzufangen.

Vielen Dank für die Einblicke!

 

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8 Kommentare

  1. Eileen

    Spannendes Interview, tolles Thema!

    Antworten
    • Komoneed

      Vielen Dank Eileen und kommst Du weiter!

      Antworten
  2. Clara

    So viele verschiedene Projekte, Wahnsinn! Sehr inspirierend

    Antworten
    • Komoneed

      Das ist richtig… Viele Projekte und viel mehr Engagement!

      Antworten
  3. Moana

    Sehr spannendes Interview, ich selbst interessiere mich auch sehr für nachhaltiges Essen etc.! Inspirierender Werdegang, und sehr verschiedene Projekte

    Antworten
    • Komoneed

      Danke, Moana! Wir hoffen, dass wir mit dieser interessanten und für uns alle nützlichen Art von Interviews fortfahren können!

      Antworten
  4. Svenja

    Ich stimme der Aussage über die Natur zu, wir sind auf jeden Fall bessere Menschen in der Natur 🙂

    Antworten
    • Komoneed

      Ja, wir sind bessere Menschen in der Natur… aber wenn wir uns auch um diese Umwelt kümmern!

      Antworten
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